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Die Evangelische Kirche in Dorlar

Kirche DorlarEine erste Kirche in Dorlar hat bereits um das Jahr 750 bestanden. Fundamente von drei Vorgängerkirchen der heute bestehenden Kirche konnten bei der letzten Renovierung im Chorraum freigelegt werden. Hiervon findet eine romanische Rechteckkirche 1182 in einer Urkunde Erwähnung. Im Jahre 1218 wurde die damals bestehende Kirche zusammen mit großen Teilen des Dorfes während einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Herren von Merenberg als Lehnsleute des Mainzer Erzbischofs und dem Thüringer Landgraf zerstört. Der Wiederaufbau nach 1220 fiel in die Zeit des Stilwechsels von der Romanik zur Gotik. Sehr wahrscheinlich ist das Dorlarer Gotteshaus die erste rechtsrheinische Kirche, welche in Deutschland im gotischen Stil erbaut wurde. In einer Urkunde vom 18.05.1297 besiegelt Eberhard von Merenberg die Gründung eines Prämonstratenserinnen-klosters St. Maria und den Anbau des heute noch bestehenden 3/8 Chores an die Kirche. Am 01.August 1304 konnte das Kloster feierlich eingeweiht werden. 1437 erfolgte seine Umwandlung in ein Mönchskloster, welches bis zur Reformation 1531 bestand. Im Mai 1532 wurde der gesamte Klosterbesitz an Johann von Buseck verkauft und in der Folgezeit aufgesiedelt. Einer der letzten drei Mönche wurde der erste evangelische Pfarrer in Dorlar. Von Mauerresten und Kellergewölben abgesehen ist von der Klosteranlage nur das ehemalige Klostertor am Lindenplatz durch seinen Einbau in ein Wohnhaus erhalten geblieben. Die Kirche wurde Patronatskirche, von der zahlreiche Renovierungsdaten überliefert sind. 1985-87 erfolgte die letzte Renovierung bei der u.a. ein Ringanker um die Außenmauer der Kirche gezogen wurde.

 

Die Dorlarer Kirche steht auf einer Anhöhe am Lahnufer. Das Gebäude besteht aus zwei Teilen, von denen das höhere Langhaus mit einem Satteldach versehen ist, welches kleine Gaupen trägt. Auf dessen Ostseite thront der um 1900 erneuerte, achteckige Haubendachreiter mit seiner ungewöhnlicherweise sechseckigen Laterne. Nach Osten schließt sich der niedrigere Chor mit seinem dreiseitigen Abschluß an. Beide Teile sind durch kräftige, abgestufte Strebepfeiler mit Gesimsen gegliedert. Am Chor lassen drei hochgotische Fenster am Kirchenschiff auf jeder Seite drei frühgotische Fenster ins Kircheninnere. Die Tür des spitzbogigen Nordportals am Schiff ist mit schönen spätgotischen Beschlägen versehen. Ihr Gegenstück auf der Südseite trägt heute eine Glastüre. Allerdings erfolgt der Zugang zur Kirche durch den modernen Anbau an der Westseite. Durch ihn wird die aus dem Jahr 1816 stammende Westtüre geschützt. Eine wappenartige Platte mit einem Walfisch ziert die Mitte des Türsturzes.

 

Beim Betreten der Kirche findet man ein aus drei Jochen bestehendes einschiffiges Langhaus vor. Innen ist das Maßwerk der Fenster auch hier spätgotisch wie im Chor. Dieser zweischalige Maßwerkaufbau ist sehr außergewöhnlich. Der Raum trägt ein auf Konsolen ruhendem Kreuzgratgewölbe von 1437 mit profilierten Gurtrippen. Zwischen den Konsolen stabilisieren die Zuganker das Gewölbe. Bei der letzten Restaurierung konnten barocke Rankenmalerei und das Motiv des Schweißtuches der Hl. Veronika wieder freigelegt und vervollständigt werden. Unter der nördlichen Empore ist der Unterteil eines Freskos erhalten. Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um den Rest einer Christophorusdarstellung. Um 1816 wurden die Emporen und die Kanzel eingebaut.

 

Die das Langhaus umlaufende 3seitige Empore ruht auf 8 Holzsäulen. Ihre Brüstung ist mit schlichten Blenden versehen. Auf der Empore wurde bei der letzten Renovierung eine zugemauerte Tür entdeckt, die früher zum westlich angebauten Dormitorium (dem Schlafraum der Nonnen bzw. Mönche) führte. Eine Treppe führt von der Empore zum Dachboden.

 

Aus dem 12. Jahrhundert stammt der in der Südostecke des Langhauses aufgestellte romanische Taufstein. Er ist aus Lungstein gebildet und mit einem Hufeisenfries und Lisenen versehen. Hinter dem Taufstein ist das aus dem Jahr 1699 stammende, barocke Sandsteinepitaph von Pfarrer Friedrich Rotenberger in die Südwand der Kirche eingelassen. Der gläserne Teil der Tür des Südportals wurde von Jakobus Klonk aus Oberrosphe gestaltet. Das Werk symbolisiert das Pfingstfest und stellt die „Fülle des Lichts (Christentum) dar, die in ein dunkelfarbiges Gefäß (Welt) einfällt".

 

Hinter dem hohen frühgotischen Chorbogen folgt der um zwei Stufen erhöhte, niedrigere, schmalere hochgotische Chor. Er besteht aus einem querrechteckigen Joch und einem 3/8-Schluß mit Gratgewölben. An den Wänden gehen die farblich hervorgehoben Gewölbegrate in halbrunde Dienste über. Ihre scheinarchitektonische Wandmalerei läßt aus den Diensten Säulen mit Kapitellen werden. Die Gewände der spätgotischen Fenster im Chor sind mit Quadermalerei verziert. Das mittlere, sog. Weihnachtsfenster mit der Darstellung der Anbetung Jesu wurde 1930 von Hans Achenbach aus Siegen geschaffen. An der Nordwand befindet sich ein zierliches Wandtabernakel von 1463 mit ursprünglichem Gitter. Seine aufwendig gestaltete Scheinarchitektur birgt alle Zierelemente der Spätgotik in sich. Es handelt sich bei ihm um ein Geschenk des Mutterklosters Rommersdorf bei Neuwied. Im Chorboden sind die Grundmauern von Apsis und Chor der ersten Vorgängerkirche farblich hervorgehoben. Der gemauerte Blockaltar trägt eine Sandsteinplatte.

 

In den vorhandenen barocken Prospekt auf der Westempore wurde 1987 von Friedrich Eichler aus Darmstadt eine neue Orgel eingebaut. Sie besteht aus 16 Registern mit zusammen 945 Pfeifen. Der Prospekt wurde in der Form von vor 1929 rekonstruiert. Er besteht aus drei Spitztürmen, die zwei dazwischenliegende Flachfelder einrahmen. Bei der Restaurierung wurde der Prospekt farblich dem historischen Zustand angenähert.

 

Im Dachreiter hängen zwei 1917 vom Bochumer Verein gegossene Glocken aus Gußstahl. Die historischen Glocken von 1466 und 1633 wurden im 1. Weltkrieg eingeschmolzen.

 

© 2011 Dr. Focko Weberling, Lahnau

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