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Die Evangelische Kirche in Atzbach

Krche AtzbachBereits in einer Urkunde von 1337 wird eine Kirche in Atzbach erwähnt, deren Grundriß allerdings nicht bekannt ist. Diese Kirche wurde 1765 abgerissen. Der Neubau stand unter dem Einfluß der von Julius Ludwig Rothweil in Weilburg und Friedrich Joachim Stengel in Gräfenwiesbach errichteten Kirchen. Für die neue, heute bestehende Kirche erfolgte die Grundsteinlegung am 24.04.1765, eingeweiht wurde sie am 08.11.1767.

 

Wegen Baufälligkeit mußte der obere Teil des Turmes 1899 abgetragen und erhöht mit einem Spitzhelm wieder aufgebaut werden. Dabei verschieferte man das neue, mit Schallfenstern versehene Obergeschoß. Seit 1951 trägt der Kirchturm 3 Bronzeglocken: 1921 wurden die kleine Glocke, 1951 die große und die mittlere Glocke von der Firma Rincker in Sinn gegossen. Ein golden glänzender Wetterhahn auf einer Kupferkugel krönt den Helm des Turmes.

 

Bei der Kirche handelt es sich um einen im Stile des frühen Klassizismus errichteten quergelagerten, symmetrisch angelegten Saalbau mit hohen Bogenfenstern. Innen sind in die Nordwand zwischen den beiden Fenstern drei Blendbögen in Fenstergröße eingelassen, deren Mittlerer den Schalldeckel der Kanzel umschließt. Durch diese Blendbögen wird die Symmetrie der Fensteranlage eingehalten.

 

Beim Betreten der Kirche finden wir eine aus der Bauzeit stammende Ausstattung mit einheitlicher Farbgebung vor. Der Altar trägt eine Platte (Mensa) aus schwarzem Marmor ist nach Norden ausgerichtet. Sein hölzerner Unterbau (Stipes) besteht aus einem gleich großen, barock geschwungenen Block mit schwarzer Marmorimitation. Von dem auf ihm stehenden Kruzifix ist das Kreuz neueren Datums, während der Gekreuzigte wohl aus der Barockzeit, also noch aus der Vorgängerkirche stammt. Es handelt sich bei ihm um eine sehr ausdrucksvolle Figur. Eine Balustrade mit Brettdocken trennt den um drei Stufen erhöhten Altarbereich vom Kirchenraum.

 

Wohl der Tradition der in evangelischen Kirchen häufig anzutreffenden Kanzelaltäre folgend, ist die Kanzel über dem Altar angeordnet. Man kann Sie nur durch den Turm erreichen. Über dem aus einem unregelmäßigen Achteck ausgeschnittenen Kanzelkorb wölbt sich ein ungewöhnlich hoher Schalldeckel an dessen Spitze ein Pelikan mit seinen Jungen (Symbol für den Opfertod Christi) sitzt. Der symmetrischen Ordnung folgend müßte die Orgel, wie in vielen anderen Kirchen mit ähnlicher Aufteilung, eigentlich über dem Altar und der Kanzel anzutreffen sein oder wenigstens Altar und Kanzel gegenüber stehen. Dies war auch ursprünglich der Fall. Später wurde die Orgel dann auf die Westempore versetzt.

 

Bei den Brüstungsmalereien an der dreiseitigen Empore handelt es sich um bäuerlich naive, sehr lebendige szenische Darstellungen aus dem alten und neuen Testament. Kunstmaler Daniel Huisgen aus Lich malte sie nach Vorlagen aus der von Georg Gruppenbach veröffentlichten Tübinger Bibel mit Bildern von C. Meurer. Je 13 Bilder sind in die Seitenemporen, 17 in die Mittelempore eingefügt. Von den Darstellungen stammen 18 Themen aus dem Alten Testament und 25 aus dem Neuen. Die Szenen werden jeweils in altertümlichem Deutsch beschrieben und sind mit einer Bibelstellenangabe versehen. Ihre Auswahl ist zum Teil recht ungewöhnlich, in Hessen existieren nur wenige Parallelen hierzu (z.B. Ulrichstein-Bobenhausen II im Vogelsberg).

 

Im Jahre 1637 wurde die Orgel für die evangelische Dreikönigskirche in Frankfurt-Sachsenhausen gebaut. Wegen Anschaffung einer neuen und größeren Orgel verkaufte man sie 1783 an die Kirchengemeinde in Atzbach. Orgelbauer Johannes Peter Rühl installierte sie hier mit einigen Veränderungen und unter Hinzufügung einiger neuer Register. Er war ein Schüler von Johann Andreas Heinemann aus Gießen, der unter anderem Orgeln in Breidenbach, Kirchberg, Kleinseelheim und Wetter erbaute. Die „Königin der Instrumente" verfügt in Atzbach über 12 Register mit zusammen 638 Pfeifen. Ihr reich verzierter barocker Prospekt wird von 2 posaunenblasenden Engel und einem gekrönten Adler (Wappen der Stadt Frankfurt) bekrönt. Unter dem Mittelteil wölbt sich ein Puttenkopf vor. Die Orgel wurde 1997/98 von der Firma Förster & Nicolaus, Lich instandgesetzt. Dabei wurden der auf dem Dachstuhl der Kirche entdeckte alte Blasebalg wiederverwendet und die ursprünglich vorhandenen Register der Orgel wiederhergestellt. Auch originale florale Malereien von 1637 konnten freigelegt werden.

 

Leider ist über den Kunstmaler Daniel Huisgen (auch Hisgen) außer seiner Herkunft aus Holland nichts in Erfahrung zu bringen. Es gibt noch einen Maler Heinrich Hisgen, der 40 Jahre später einige Gemälde angefertigt hat. Ob es sich bei ihm um einen Nachfahren handelt ist nicht bekannt.

 

Für die rege Nachfrage nach den Patenschaften für die Bilder und die spontane Spendenbereitschaft sei an dieser Stelle allen Spendern und Paten herzlich gedankt! Innerhalb von nur 2 Monaten haben alle Bilder „ihre/n" Patin/Paten gefunden!

 

Literatur: F.K. Abicht: „Der Kreis Wetzlar", Wetzlar, 1836; G. Dehio: „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hessen", München, 1982; Ev. Kirchengemeinde Atzbach: „Die Orgel in der Atzbacher Kirche", Atzbach, 1998; Gemeindevorstand Atzbach: „Atzbach 774-1974", Gießen,1974; F. Müller: „Alte, schöne Kirchen im Wetzlarer Land", Greifenstein, 1997; verschiedene Zeitungsartikel aus der WNZ von 1992-98

 

© 2011 Dr. Focko Weberling, Lahnau

 

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